Charleston – Der Tanz der Goldenen Zwanziger

Die Arme schwingen, die Füße twisten, die Knie drehen sich und die Hüfte schwingt beherzt – so oder so ähnlich lässt sich sein Anblick beschreiben: der Charleston! Er war ein Modetanz der Goldenen Zwanziger im vergangenen Jahrhundert, getanzt zur mit dem Blues verwandten Jazz-Musik.

Als an Silvester 1918 das Tanzverbot des Krieges aufgehoben wurde, stürzte sich „das Volk auf die lang entbehrte Lust. Noch nie ist in Berlin so viel so rasant getanzt worden“, meldete das Berliner Tagblatt am folgenden Neujahrstag.

Und die Tanzbegeisterung hielt an, sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. Vereinsbälle, Tanz mit Jazz- und Blues-Musik zum 5-Uhr-Tee und natürlich in dem berüchtigten Nachtleben in Berlin – Swingtänze wie Balboa, Boogie Woogie und allen voran der Charleston waren immer mit dabei! Dabei war dieser Tanz mehr als nur eine Strömung: Er war auch Ausdruck einer neuen Freiheit und Emanzipation der Frau!

Schwarzer Charleston: Afroamerikanische Wurzeln des Modetanzes

Charleston Original-Tanz aus den 1920ern. Song: Green Hill Instrumental – The Charleston (i do not own the copyright to this music)

Der Ursprung des Charlestons reicht deutlich weiter, als so mancher auf den ersten Blick denken mag – in die Renaissance. Schon der „Congé“ aus dem Jahr 1445 und der „Branle“ aus dem Jahr 1520 sind zwei französische Tänze, die dem Charleston sehr ähnlich scheinen. Jedoch entstammen wohl die meisten originale Teile dem afroamerikanischen Juba-Dance, einem Plantagentanz aus dem 19. Jahrhundert getanzt von westafrikanischen, schwarzen Sklaven.

Der Name stammt vom Ort Charleston in South Carolina, wo auch Afrikaner des Ashanti-Volks angeblich als weitere Wurzeln des Tanzes gelten.

Bekannt wurde der Charleston selbst erstmals in den Vereinigten Staaten durch das im Jahr 1923 erschienene Jazz-Lied „The Charleston“ von Komponist James P. Johnson in der Broadway Show „Runnin‘ Wild“. Das Lied war ein riesiger Hit während des gesamten Jahrzehnts, der Höhepunkt der Popularität des Tanzstils wurde in den Jahren 1926 und 1927 erreicht – die ganze Welt tanzte Charleston.

Nach Europa schwappte die Welle durch eine einzige Solotänzerin: Josephine Baker brachte die Charlestonbegeisterung auch nach Deutschland, indem sie nur mit Bananen bekleidet 1925 mit dem Tanz in Berlin auftrat. Während Baker in den USA unter Rassenvorurteilen zu kämpfen hatte, konnte die schwarze Tänzerin in Frankreich und Deutschland hingegen groß Erfolg feiern.

Der weiße Gesellschaftstanz: Kritik und „Bereinigung“ des Charlestons

Der Charleston war neu. Der Charleston war frech. Der Charleston war zum Teil auch ein Skandal nach langsamen Tänzen wie Blues und Slowfox, Wiener Walzer und Co. Der Musikkritiker Hans Liebstöckel urteilte, dass der Tanz eine „Kampfansage zwischen Mann und Weib“ sei. Denn vom bisher wichtigen und bekannten Paarbezug zwischen Tänzer und Tänzerin fehlte jegliche Spur.

Der Charleston kann auch wunderbar allein getanzt werden, was dem neuen Selbstvertrauen der Frauen in den Goldenen Zwanziger nur in die Karten spielte. Liebstöckel soll sogar gesagt haben, dass der Tanz „nicht nur Ausdruck des Hasses gegen den eigenen Körper, sondern gegen das Leben selbst“ sei.

Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass so mancher Tanzlehrer den Charleston ein wenig „bereinigte“, wie in England geschehen. Alle afroamerikanischen Elemente wurden entfernt, es blieben die Figuren „Scheibenwischerfuß“, Knieknicker“ und „Schleuderbeine“. Das langweilte schnell das tanzhungrige Volk, der Reiz des Charlestons ging verloren, die Popularität sank allmählich.

Doch viele Elemente überlebten im „Lindy Hop“ – einem wichtigen Swingtanz der 30er- und 40er-Jahre. Aus dem Charleston selbst entwickelten sich „Lindy Charleston“, „Savoy Charleston“ oder „Swing Charleston“. Tänze wie der Balboa erlaubte es, die schnelle Musik wieder entspannt zu tanzen.

The women dance: Charleston als Ausdruck der weiblichen Emanzipation

Der Charleston war vor allem der Gesellschaftstanz für die emanzipierte Dame in den Zwanzigerjahren. Durch zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen gewannen sie ein ganz neues Selbstbewusstsein, das sich auch in ihrem Verhalten in der Öffentlichkeit ausdrückte. Sie rauchten, sie fuhren Autos, sie hatten öffentlich Spaß und sie tanzten eben den Charleston.

Charleston tanzen lernen – „How to Dance: The Charleston“

Der Tanzstil war einer der ersten in der westlichen Kulturgeschichte, bei der Frauen führende Rollen einnehmen oder ihn ganz und gar allein tanzten. Mit dem Swing wurde aus der geführten Tanzpartnerin die emanzipierte, sexy Solistin. Das passend in den neuen, in Mode gekommenen, kurzen Partykleidern, die viel Bein und Ausschnitt zeigten. Dies ließ die Bewegungen des Charlestons nur noch frecher erscheinen.

Frauen in Hosenanzügen gab es auf der Tanzfläche ebenso – entsprechend dem angesagten „Garçonne“-Stil. Der Charleston passte hervorragend in das Motto der Damen in dieser Zeit: Provozieren und eigene Regeln befolgen!

Nachmachen? So gelingt der Charleston der Goldenen Zwanziger

Den Tanz zu lernen, ist nicht schwer. Der Charleston kann allein oder als Paar getanzt werden. Er hat einen vergleichsweise schnellen Rhythmus mit 50 bis 75 Takten pro Minute. Andere Tänze erreichen rund 30 bis 50 Takte pro Minute.  

Der Solo-Charleston

Das Wichtigste beim Charleston sind die isolierten Bewegungen. Der Tänzer sollte in der Lage sein, Arme und Beine vollkommen getrennt voneinander schwingen zu können. Typischer Grundschritt ist beispielsweise das Rudern der Arme, während Füße und Beine zwischen X- und O-Stellung bei jedem Schritt gebracht werden. Dabei werden die Knie nach außen beziehungsweise nach innen gedreht. Dazu gibt es Sprünge, Kicks und viele weitere Kombinationen.

Der Partner-Charleston

Diese Variante wurde auch Lindy Charleston, Savoy Charleston oder Swing Charleston genannt, die in den 30er und 40er Jahren populär waren. Hier wird im Paartanz lediglich der Grundschritt variiert, der aus dem Original der Zwanzigerjahre stammt. Weitere Figuren und Kombinationen kommen oft nicht vor. Auch der Paartanz ist ein sehr schneller Tanzstil mit viel Rhythmus.

Sophie Ellis-Bextor & Brendan Charleston to „Rock It For Me“

Das wichtigste beim Charleston sind jedoch nicht die korrekt ausgeführten Schritte, sondern Spaß Ausgelassenheit und Lebensfreude, für die der Gesellschaftstanz in den Goldenen Zwanzigern einst stand.

Das Comeback: Der Charleston im 21. Jahrhundert

Der Charleston gehört jedoch längst nicht der Vergangenheit an. In den letzten zehn Jahre erfreute er sich wie auch der Lindy Hop und die Jazz-Musik eines Comebacks in Deutschland – in den USA und Schweden geschah dies schon in den 80er-Jahren. Immer mehr Menschen strömen in die Tanzschulen, um den Charleston wieder zu lernen, immer mehr Tanzschulen unterrichten ihn. Der Solo-Tanz wird sogar als Fitness-Kurs angeboten.

Zahlreiche Jazz-Partys vervollständigen das Comeback. Vor allem Frankfurt, Wiesbaden und Mainz waren hier bereits 2013 Vorreiter: Dort hat sich eine ganze Szene rund um die Goldenen Zwanziger und dessen Tänze wie dem Charleston, dem Lindy Hop und dem Boogie Woogie gebildet. Doch der Swing hat längst auch Berlin wieder zurückerobert. Männer in Bundfaltenhose schieben Flapper-Girls in Pailletten-Kleider über das Parkett. Charleston-Kurse und Workshops sind beliebter denn je.

Die Leichtigkeit der Goldenen Zwanziger hat wieder Einzug eingehalten in Tanzschulen, Workshops und auf Partys in aller Welt. Jung tanzt mit Alt, Frau tanzt mit Frau oder Mann oder ganz ohne Partner – alles ist erlaubt beim Gesellschaftstanz Charleston des 21. Jahrhundert.

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