Schnipp, schnapp, Krawatte ab: Geschichte und Tradition rund um den „schmotzigen Donnerstag“

Schnipp, schnapp, Krawatte ab: Geschichte und Tradition rund um den „schmotzigen Donnerstag“Schnipp, schnapp, Krawatte ab: Geschichte und Tradition rund um den „schmotzigen Donnerstag“

Jedes Jahr wieder treten Männer in ganz Deutschland mit keiner, einer alten oder unbeliebten Krawatte vor die Tür. Es ist Donnerstag und die Altweiber sind unterwegs. Bewaffnet mit Scheren schielen Sie um die Ecken und suchen ihre männlichen Opfer, denen sie kurzerhand die Krawatten abschneiden. Die Herren der Schöpfung müssen allerdings nicht mit halbem Stolz dastehen, als Entschädigung gibt es einen Kuss auf die Wange.

Ursprung und Geschichte der Tradition

Die Tradition des Krawattenabschneidens ist in seiner Wichtigkeit mit dem Karnevalszug am Rosenmontag zu beschreiben. Der Ursprung dieser Tradition stammt aus einer Zeit, in der die Frauen gegenüber den Männern in vielerlei Hinsicht Nachteile besaßen. Einmal im Jahr schnitten sie ihnen deshalb die Krawatte ab, um ihnen einen Teil der Macht zu rauben. Auch wenn diese Zeiten längst vorbei sind, ist es nach wie vor eine beliebte Tradition, die die Gesellschaft darin erinnern, dass Männer und Frauen dieselben Rechte und Chancen haben sollten.

In Deutschland wird die Tradition vor allem im Süden und der Mitte der Bundesrepublik praktiziert. Tausende „Weiber“ stürmen in die Rathäuser der Städte, Kommunen und Gemeinden und übernehmen das Kommando für einen ganzen Tag. Während ihrer Regierung ist kein Schlips sicher: Die Krawatten der Männer wird ab 11:11 Uhr gnadenlos gekürzt.

Aus Emanzipation wird Tradition

Doch wann genau begann die beliebte Tradition? Urkunden zufolge reicht der Ursprung auf das Jahr 1824 zurück. In Bonn sollen Wäscherinnen damals Männer bereits „in die Mangel“ genommen haben. Zu dieser Zeit lehnten sich die Frauen noch über das Patriarchat sowie inakzeptable körperliche Arbeit auf, die sie im benachbarten Köln ertragen mussten, um einige Taler zu verdienen. In Bonn kamen die Frauen in Kontakt mit dem Straßenkarneval. So schlossen sich die Betroffenen zusammen und organisierten unter dem Schutz des rheinischen Frohsinns Widerstand gegen das bis dato dominierende männliche Geschlecht.

Das Kappen männlicher Schlipse ist heute eine spaßige Tradition, welche mit dem Sturm des Rathauses, einem Umzug sowie diversen Sitzungen öffentlich gefeiert wird. Der Ursprung der Tradition ist weniger spaßig, sondern sehr ernst. Die Beuler Wäsche-Bleicherinnen und Wäscherinnen wehrten sich gegen die damals üblichen seelischen und körperlichen Belastungen, die sie täglich für einen sehr geringen Gehalt ertragen mussten. Um die Belastungen zu mildern, trafen sie sich zum Kaffeeklatsch: Hier berichteten sie über ihre persönlichen Probleme und redeten sich so den Frust von der Seele, ohne beobachtet, belauscht oder beurteilt zu werden.

Was genau bedeutet Weiberfastnacht?

Der Ausdruck „Weiberfastnacht“ bedeutet, dass die sonst gültigen Regeln auf den Kopf gestellt werden. Neben den Narren dürfen an diesem Tag die Frauen regieren – das war früher absolut undenkbar. Im Sinne der Tradition übernehmen die Weiber jedes Jahr symbolisch die Herrschaft, stürmen in Rathäuser, kleiden und maskieren sich und belästigen die Männer.

Im Südwesten der Bundesrepublik wird der letzte Donnerstag vor der vorösterlichen Fastenzeit auch als „schmutziger“ oder „schmotziger Donnerstag“ bezeichnet. Die beiden Bezeichnungen haben nichts mit Schmutz zu tun, sondern werden vom schwäbisch-alemannischen Wort „Schmotz“ abgeleitet, was so viel wie „Fett“ bedeutet. Diese Ausdrücke verweisen auf den alten Brauch, fett- beziehungsweise schmalzgebackene Fastnachtskreppel, -küchlein oder -krapfen vor der Fastenzeit zu backen. Heute sind diese Leckereien als Berliner bekannt. Der Sinn lag darin, das Fett zu verbrauchen, da es während der Fastenzeit nicht mehr konsumiert werden durfte.

Die Proklamation der Wäscherprinzessin

16 Damenkomitees aus den Ortsteilen Beuels versammeln sich mit der Obermöhn, um seit 1958 die Wäscherprinzessin zu proklamieren. Zu Beginn der Tradition wurde die Prinzessin lediglich von Wäschereien gestellt. Dies wurde im Laufe der Jahre jedoch zunehmend schwieriger, sodass im Laufe der Jahre Damenkomitees diese Aufgabe übernahmen. Die Wäscherprinzessin ist eine Repräsentantin der Beueler Weiber und das etwas derbe Gegenstück zu den feinen Karnevals-Prinzen, die sonst im Fokus stehen. Auch dieser Brauch stellt ein Stück Emanzipation dar und ihn gibt es nur in Beuel.

So retten Männer ihre Krawatte

Es gibt durchaus Männer, die sind vom schmotzigen Donnerstag nicht großartig angetan. Andere hängen schlichtweg an ihrer Krawatte, weil sie es von ihrer Ehefrau geschenkt bekommen haben. Welchen Grund Sie auch immer haben, an dieser Tradition nicht teilzuhaben, nachfolgend finden Sie einige Tipps, wie Sie sich retten können.

  • Seien wir mal ehrlich: Weiberfastnacht ist eine uralte Tradition, an der Mann auch teilhaben sollte. Natürlich handelt es sich nicht um ein völlig spontanes Erlebnis, sondern der Tag ist bekannt. Männer können also morgens beim Anziehen bereits ihre Lieblingskrawatte zu Hause lassen, um sie nicht opfern zu müssen.
  • Wer nicht mit abgeschnittener Krawatte nach Hause kommen möchte, sollte morgens bereits daran denken, eine Zweite einzupacken. Wer besonders viele Wangenküsschen einheimsen möchte, der rüstet sich mit mehreren Krawatten aus.
  • Diejenigen, die sich strikt weigern, an diesem Spektakel teilzunehmen, können sich natürlich auf die Herrentoilette retten. Doch wer will schon den ganzen Tag auf dem Klo verbringen?

Übrigens: Seien Sie kein Spielverderber. Im Internet gibt es reichlich Informationen, wie man den Frauen diesen Tag versauen kann. Ob Duraluminium oder Draht in der Krawatte – verzichten Sie auf solche Tricks und lassen Sie den Frauen einmal im Jahr diese Tradition. Schließlich werden Sie mit einem Kuss auf die Wange belohnt!

Artikelbild: © fotoknips / Shutterstock

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